{"id":606,"date":"2026-08-30T18:10:03","date_gmt":"2026-08-30T17:10:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.petterssonblog.de\/?p=606"},"modified":"2026-08-30T18:10:52","modified_gmt":"2026-08-30T17:10:52","slug":"ein-unablaessiger-strom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.petterssonblog.de\/?p=606","title":{"rendered":"Ein unabl\u00e4ssiger Strom"},"content":{"rendered":"\n<p>Allan Petterssons 7. Sinfonie erklingt in der Elbphilharmonie Hamburg<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Spaziergang die Landungsbr\u00fccken entlang zur Elbphilharmonie m\u00f6chte ich fast die Leute ansprechen, die mir entgegen kommen und sie einladen zu dem einmaligen Abend, der mir vermutlich bevorsteht &#8211; jedoch ist die Elbphilharmonie, die am 24. August vom Schleswig-Holstein Musik Festival bespielt wird, ist bereits ausverkauft. Offenbar wissen auch andere Konzertg\u00e4nger:innen um die Besonderheit des Programms. Denn wann stand zuletzt eine Sinfonie von Allan Pettersson (1911-1980) auf dem Programm eines deutschen Konzerthauses? Und zugespitzt k\u00f6nnte man fragen: Wann hat sich ein deutsches Orchester \u00fcberhaupt zuletzt an diese Musik gewagt?*<\/p>\n\n\n\n<p>Der Musik des Schweden, der in seiner Heimat vor zwei Jahren in einem \u201eKulturkanon\u201c aufgenommen wurde steht und wohl deshalb nun zumindest in seinem Geburtsland etwas mehr aufgef\u00fchrt wird, ist weder einfach zu spielen noch zu rezipieren. Und trotzdem kann man Ohren und Herz \u00f6ffnen f\u00fcr das Besondere, das sich in dieser Musik zeigt. Im restlichen Europa tut man sich trotzdem schwer mit Pettersson &#8211; auch in England, wo derzeit mehrere skandinavische Dirigenten in Leitungspositionen wirken, tut sich nichts Neues.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon 2020 wollte das Schleswig Holstein Musik Festival Allan Pettersson auff\u00fchren &#8211; angesichts des langen Bestehens des Festivals m\u00f6chte man sagen \u201eendlich\u201c, doch auch diese Hommage blieb dem Festival aus Pandemiegr\u00fcnden verwehrt. Sie wurde am 24.8. (in L\u00fcbeck) und am 25.8. (in Hamburg) nachgeholt, nicht ganz ohne Stolz, mit dem Gastspiel des Royal Stockholm Philharmonic Orchestra einen echten H\u00f6hepunkt pr\u00e4sentieren zu d\u00fcrfen. Denn wer, wenn nicht die Stockholmer, kennen \u201eihren\u201c Pettersson am besten, der ja als Bratscher in diesem Orchester anfing und sich etwa ab Ende der 30er-Jahre nur noch auf das Komponieren konzentrierte. Dabei ist auch der Tournee-Beitrag pikant, denn eben dieses Orchester strich bei einer Amerika-Tournee im Jahr 1975 die 7. Sinfonie des Komponisten vom Programm, worauf dieser dem Orchester ein Auff\u00fchrungsverbot seiner Werke erteilte, das &#8211; gottlob &#8211; nun nicht mehr besteht. Und nun konnte man den Musiker:innen auf dem Podium der Elbphilharmonie das ehrliche Engagement und auch die Vertrautheit mit der Musik ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Konzerten in Deutschland gingen bereits im Januar und Februar Auff\u00fchrungen der 7. und 8. Sinfonie in Stockholm voraus &#8211; letztere unter Leitung von Christian Lindberg, der in den letzten Jahren mit einer Gesamtauff\u00fchrung der Sinfonien sowie CD-Einspielung mit dem Sinfonieorchester in Norrk\u00f6ping zumindest in Schweden Geschichte schrieb.<br><br>Doch zur\u00fcck zum Konzert &#8211; gespannt war man vor allem auf die Interpretation, denn zumindest die 7. Sinfonie hat eine reiche Auff\u00fchrungshistorie, weil man sie als zug\u00e4ngliches und eindr\u00fcckliches Werk identifiziert und damit die erste Begegnung mit Petterssons Musiksprache erleichtern mag. Dabei entfaltet sich diese Eindr\u00fccklichkeit in einer Auff\u00fchrung durchaus nicht von selbst, sondern muss sorgf\u00e4ltig erarbeitet werden. Da konnte man auch schon gr\u00f6\u00dfere und kleinere Desaster in der Vergangenheit miterleben, da in Petterssons Sinfonik nicht nur jede einzelne Instrumentengruppe besonders in den Extremlagen und in der Artikulation gefordert ist, sondern auch die\/der jeweilige Dirigent in seinem Verst\u00e4ndnis von Partitur und Umsetzung.<br><br>Ryan Bancroft ist US-Amerikaner und steht dem Kungliga Filharmoniska Orkestern &#8211; wie es auf schwedisch korrekt hei\u00dft &#8211; seit 2023 vor. Seine Lesart der 7. Sinfonie ist fl\u00fcssig und in der Elbphilharmonie zu Beginn fast ein wenig zu beherzt. Dabei vertr\u00e4gt der Saal au\u00dferordentliche Pianissimi, die Bancroft dann sp\u00e4ter wirklich dem Orchester abverlangt und damit vor allem zu einem tief empfundenen Schluss findet. Die erste gro\u00dfe Steigerung des Werks baut er spannend auf, kommt aber dann einige Male in ein zu routiniertes Fahrwasser, dem das Orchester nat\u00fcrlich Folge leistet. Das eine oder andere Rubato, das er sp\u00e4ter dann vor allem in den \u00dcberg\u00e4ngen anlegt, h\u00e4tte in den rhythmisch-fl\u00e4chigen Abschnitten zu weiterer Intensit\u00e4t beigetragen. Hier und da gab es auch ein kleines \u201eZuviel\u201c in den Trompeten, dann wieder bei den fast elektronisch anmutenden Klangkonstellationen zwischen Blech, Holz und Streichern kleine H\u00e4nger &#8211; die Akustik der Elbphilharmonie verzeiht nichts, legt aber auch die Partitur schonungslos offen, was zu einer Transparenz des Werkes f\u00fchrt, die man auch in anderen Konzerth\u00e4usern kaum erlangen wird, schon das Konzert einen Tag zuvor in der Kongresshalle L\u00fcbeck war von einer ganz anderen Akustik gepr\u00e4gt. In Allan Petterssons sind die F\u00e4den immer kurz vor dem Zerrei\u00dfen gespannt, und dies verlangt absoluten Mut beim Spielen. In den sehr offen liegenden Passagen gibt es kein zweites Mal, kein Zur\u00fcck. Das verlangt gegenseitiges Vertrauen im Orchester und ja, auch einiges an Proben, was im heutigen Konzertalltag allein schon eine H\u00fcrde gegen\u00fcber solchen Partituren darstellt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Intensit\u00e4t der Interpretation legte jedenfalls mit jeder dynamischen Welle zu und so wurden vor allem die tonalen Ausgie\u00dfungen der Streicher nach den H\u00f6hepunkten sowie die choralartigen Bl\u00e4serabschnitte zu einem absolut h\u00f6renswerten Ereignis. Details wie die pl\u00f6tzlich leer im Raum liegenden T\u00f6ne der Violinen am Ende einer melodischen Phrase oder eine blitzsaubere Quinte zwischen Celli und B\u00e4ssen lie\u00dfen Zeit und Gedanken stillstehen. Das Ende der Sinfonie war von transzendentaler Natur in seiner seltenen Einigkeit &#8211; auch vom Publikum \u00fcbrigens, das sich mit einer langen Stille zum Nachvollzug dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Musik bereit zeigte. Gro\u00dfer Jubel f\u00fcr Bancroft und die Stockholmer folgte, nach welchem auch Allan Pettersson selbst durch die vom Dirigenten hochgehaltene Partitur seinen speziellen, starken Applaus erhielt.<br>Hoffentlich haben sich durch dieses Konzert einige neue Freunde der Musik von Allan Pettersson gefunden &#8211; im Norden Deutschlands war, vermutlich bedingt durch die N\u00e4he zu Skandinavien, zumindest immer wieder eine Bereitschaft zu sp\u00fcren sich mit dem Werk dieses gro\u00dfen Sinfonikers zu besch\u00e4ftigen. Hoffentlich auch in der Zukunft &#8211; als Tor zur Welt z\u00e4hlt ja Hamburg mit seinem Hafen ohnehin.<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander Keuk<\/p>\n\n\n\n<p>*immerhin gab es 2023 und 2024 je eine Auff\u00fchrung des Sinfonischen Satzes in Heidelberg und Magdeburg. Die erste Auff\u00fchrung eines Pettersson-Werks in der Elbphilharmonie \u00fcberhaupt war \u00fcbrigens auch der Sinfonische Satz. Diese Auff\u00fchrung fand im Jahr 2019 unter Leitung von Daniel Harding statt, damals allerdings mit dem Schwedischen Rundfunkorchester.<\/p>\n\n\n\n<p>Foto (c) Antonia Kr\u00f6del<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Abstract<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Allan Pettersson\u2019s music remains a rarity in German concert life, despite the growing recognition of the Swedish composer in his home country. The performance of his Seventh Symphony by the Royal Stockholm Philharmonic Orchestra at Hamburg\u2019s Elbphilharmonie, presented as part of the Schleswig-Holstein Music Festival, was therefore a particularly significant occasion. It was the first performance of the Seventh Symphony in the Elbphilharmonie, while the orchestra\u2019s historical connection with Pettersson\u2014who began his career there as a violist\u2014added a special dimension to the event.<\/p>\n\n\n\n<p>Under the direction of Ryan Bancroft, the symphony unfolded as a demanding and highly expressive musical landscape. Pettersson\u2019s writing places extreme demands on every orchestral section, requiring both technical precision and an exceptional willingness to sustain tension. The acoustic transparency of the Elbphilharmonie exposed the complexity of the score in remarkable detail, while Bancroft\u2019s interpretation gained particular intensity towards the work\u2019s conclusion. Exceptionally quiet dynamics and carefully shaped climaxes led to a deeply concentrated and almost transcendental ending.<\/p>\n\n\n\n<p>The long silence that followed the final note, shared by the audience before the enthusiastic applause began, bore striking witness to the intensity of the performance. The concert thus demonstrated the emotional and musical power of Pettersson\u2019s Seventh Symphony and made a compelling case for a composer whose work deserves greater presence in European concert life.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allan Petterssons 7. 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