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Kontrastreiche Passionsmusik mit Pettersson und Liszt

„Vox Humana“ und „Via Crucis“ im Konzert der Sing-Akademie zu Berlin

(Abstract below)

Außergewöhnlich bewegend geriet das Passionskonzert am Karfreitag in der vollbesetzten Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg durch die Auswahl der musikalischen Werke – keine der großen bekannten Passionsmusiken erklang, die Sing-Akademie zu Berlin unter Leitung von Kai-Uwe Jirka widmete sich stattdessen zwei Jubilaren des Jahres 2011: Franz Liszt und Allan Pettersson. Während man dem durch seine Klavierkompositionen im Konzertleben verankerten Liszt Raum für seine kaum bekannte späte, geistliche Vokalmusik gab, ist der Schwede Allan Pettersson (1911-1980) in unserer Konzertlandschaft völlig unterrepräsentiert – und das bei einem gewaltigen sinfonischen Werk, das er der Nachwelt hinterließ – die letzte deutsche Komplett-Aufführung der „Vox Humana“-Kantate datiert aus dem Jahr 1995 und es gibt eine einzige Plattenaufnahme, die kurz nach der Uraufführung entstand.

Die genaue Kenntnis des OEuvres dieser beiden Komponisten ließ wohl die Idee aufkommen, Liszt und Pettersson zu kombinieren. Jirka formte das Konzert als Kreuzweg in 14 Stationen und ließ sogar die einzelnen Werkteile beider Komponisten aufeinander prallen. Das Konzept ging vor allem deswegen auf, weil die verinnerlichte, manchmal kryptische Sichtweise von Liszt auf eine hochemotionale, offen die nackte, oft erbarmungslose Welt zeichnende Musik von Pettersson traf. Zudem konnte sich Jirka so im Liszt-Werk vor Längen bewahren, bei Pettersson hatte die Entscheidung zur Einbettung in ein Passionskonzert weitaus heftigere Folgen: Oft wurde dessen kompositorisches Werk als seine eigene Passion bezeichnet und das Bild vom leidenden Künstler bemüht. Jirka und auch der gute Programmhefttext gingen dieser unzureichenden Darstellung nicht nach, stattdessen wurden die Vertonungen der Kantate „Vox Humana“, die Pettersson 1974 nach seiner ebenfalls chorsinfonischen 12. Sinfonie schrieb, in den christlichen Passions-Kontext integriert.

Die Texte lateinamerikanischer Dichter und aus Inka-Gesängen erhielten so eine tiefere Bedeutung, wirkten fast wie ein zeitgenössischer Spiegel der Christus-Geschichte. Pettersson selbst hatte übrigens vorgesehen, dass die insgesamt 18 Teile der Kantate auch nichtzyklisch aufgeführt werden können – umrahmt von Liszt wirkten sie als geschlossene Bildwelten – Leif Aare beschrieb sie schon 1976 als „vokalmusikalisches Fresco“.

Großer Beifall nach dem Konzert

Der Sing-Akademie zu Berlin, vereint mit dem Staats- und Domchor kam die umfangreiche Aufgabe zu, die musikalischen Welten adäquat darzustellen und das gelang vortrefflich, mit wacher Konzentration und Durchdringung der Partituren. Rhythmischen Ausdruck wie in „Lynch“ oder ungewohnte harmonische Fortgänge wie in „Der Unbussfertige“ meisterte der Chor mühelos. Die Symphonische Compagney lieferte im Streichorchester nicht nur Orientierung, sondern bot starke eigene Farben dieser Musik an. Einige Pettersson-Stücke wurden vor der Aufführung auf deutsch rezitiert, dies vertiefte das Verständnis; Altistin Hilke Andersen überzeugte in den Solostücken mit flexiblem Ausdruck.

Im Kontrast zu dieser zeitgenössischen Sicht standen die Liszt-Stücke aus „Via Crucis“, dem „Tristis Anima Mea“ und dem abschließenden „Stabat Mater“. Während die Kreuzweg-Stücke mit Orgelbegleitung fast meditativen Charakter zeigten (mit dem Gerhardt-Choral „O Haupt voll Blut und Wunden im Mittelpunkt), war die Wahl des „Stabat Mater“ das einzige Wagnis des Konzertes, denn das fast vierzigminütige Stück am Ende des Konzertes verwischte ein den Kontrastreichtum des bereits Gehörten und konnte auch im Zusammenspiel zwischen Harmonium und Solisten – hier dazu Julia Giebel (Sopran), Ferdinand von Bothmer (Tenor) und Nikolay Borchev (Bariton) – nicht immer überzeugen. Der Chor konnte hier noch einmal ein großes romantisches Klangbild anlegen.

Dieses Passionskonzert war mutig, erzeugte großen Beifall vom Publikum und regte zum Nachdenken an, zudem wurde eine der wenigen Jubiläums-Aufführungen eines Werkes von Allan Pettersson in Deutschland überhaupt realisiert, dafür darf man gratulieren.
Alexander Keuk

Abstract

The Berlin Sing-Akademie (together with Staats- and Domchor Berlin) performed on Good Friday a concert which combined „Via Crucis“ by Franz Liszt and nine movements from „Vox Humana“ by Allan Pettersson – it was one of the few Pettersson performances in Germany in the centenary year. Conductor Kai-Uwe Jirka confronted both compositions and mixed them within a concept of the way of the cross. A special impact arose from the fourteen stations: on the one side the late Liszt, meditative and introvert, on the other Petterssons sight of the contemporary world facing cruel and sad pictures – filled with humanity in music. A recitation of the Pettersson-texts was given before the music to deepen the understanding. The performance had a stunning quality – the choirs acting with permanent concentration and a very good preparation. The choice to perform an extraordinary form of the passion of the Christ seemed courageous – it was a light on Pettersson not as a suffering creature but as a serious artist who has a deep view on nature and mankind.

Weitere Rezensionen:

* Der Tagesspiegel

* Blog „Night out @ Berlin“

* Blog von Alban Nikolai Herbst

Neue CD erschienen – 1. Violinkonzert & Kammermusik

Da wird Derek auf seinem Blog noch eine Rezension nachschieben müssen, denn just heute ist die Aufnahme des 1. Violinkonzertes und einiger Kammermusik beim Label Dabringhaus & Grimm erschienen. Interpreten sind das Leipziger Streichquartett, Yamei Yu (Violine) und Chia Chou (Klavier) – Auf der CD finden sich neben dem 1. Violinkonzert für Violine und Streichquartett die Sonaten 2, 3 und 7 aus den „7 Sonaten für 2 Violinen“ (1951), die 2 Elegien für Violine und Klavier (1934), die Romanze (1942) sowie das „Andante Espressivo“ (1938).

Den Booklet-Text hat Dr. Michael Kube verfasst, die CD ist über den Vertrieb Codaex im gutsortierten Versandhandel bestellbar. Schön also, dass es im Jubiläumsjahr auch neue Interpretationen auf Tonträger gibt – in jedem Fall erwarten wir noch in diesem Jahr die Aufnahme der 1. und 2. Sinfonie mit Christian Lindberg (BIS).

Rezensionen der CD:

* BR Klassik (12.5.2011)

Vorstellung der CD auf der Seite des Sikorski-Verlages

* Vorstellung der CD bei Pro Classic

* Dagens Nyheter (18.5.11)

* klassik.com, Dr. Stefan Drees: „In Petterssons Welt“ / Interview mit Yamei Yu

* CD of the Week in June: Norman Lebrecht

Stehende Ovationen in Norrköping

Wie Norrköpings Symfoniorkester auf seiner Facebook-Seite berichtet, muss die gestrige Aufführung der 7. Sinfonie von Allan Pettersson ein großer Erfolg gewesen sein. Wörtlich schreibt das Orchester: „Dank an unser wunderbares Publikum! Was für Abend, als wir unseren fantastischen schwedischen Sinfoniker Allan Pettersson gefeiert haben. Das Orchester und unser erster Gastdirigent Stefan Solyom erhielten stehende Ovationen nach der Aufführung der packenden 7. Sinfonie und wir  danken aufrichtig dafür!“

Norrköpings Tidningar veröffentlichte bereits eine Rezension – Michael Bruze schreibt: „Das Orchester zeigte sich in Top-Form, die Aufführung der Pettersson-Sinfonie war ein Highlight der Saison; Konzentration, Konturschärfe und harmonische Schönheit waren die Leitthemen.“ – Pettersson selbst wird in der Rezension mit biografischen Bruchstücken gedacht und es gibt ein Zitat: „Min musik får sin näring av generationer av människor som jag aldrig känt, men som lever i mig, känner mig.“ – Meine Musik erhält ihre Nahrung von Generationen von Menschen, die ich nicht kannte, aber das lebt in mir, füht in mir.“ – Weiter heißt es: „Die Musik wollte alle Grenzen sprengen, fand schließlich in der atembereaubenden Streicherelegie für eine Weile Erlösung. Dies war eine Interpretation mit Respekt für die Musik – Solyom komprimierte alle Ereignisse mit ausgewogener Zeichengebung.“

Nachtrag: eine weitere Rezension ist jetzt im Folkbladet zu lesen.

Stefan Solyom

-> alle Pettersson-Konzerte 2011

(Foto Stefan Solyom: Brita Nordholm)

 

 

Barfußlieder in Kassel aufgeführt

Am 3. April fand in Kassel eine Aufführung der Barfußlieder (acht Lieder in der Orchesterfassung von Antal Dorati) statt. Patrik Ringborg dirigierte das Staatsorchester Kassel, Espen Fegran war der Solist.

Eine Rezension ist auf dem Online-Portal der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung zu lesen.

Wer noch Zeit hat, nach Norrköping zu fahren/fliegen, sollte langsam zum Flughafen: Morgen wird dort die 7. Sinfonie unter Leitung von Stefan Solyom aufgeführt, mehr darüber *hier*

6. Sinfonie wird im November in Schweden aufgeführt

Ganz aktuell erreicht uns die Nachricht, dass Allan Petterssons 6. Sinfonie im November vom Norrköpings Symfoniorkester aufgeführt wird. Damit setzt der Dirigent und Posaunist Christian Lindberg seine Zusammenarbeit mit dem Orchester in Sachen Pettersson fort. Die Sinfonie wird anschließend auch für die Firma BIS auf CD produziert, der Aufnahmetermin ist Januar 2012. Die Konzerttermine: 3. November, Konzert Geerhallen Norrköping – 4. November, Konzert in Linköping.Damit erklingt im Jubiläumsjahr neben der 7. Sinfonie ein wichtiges weiteres Werk der mittleren Schaffensperiode des schwedischen Sinfonikers.

Pettersson-Aufführung am 3. April in Kassel

Der Pettersson-Kalender für 2011 füllt sich nun. Ein weiteres Konzert gibt es schon in gut einem Monat in Kassel. Das 3. Sonntagskonzert des Staatsorchesters am 3. April im Opernhaus Kassel leitet GMD Patrik Ringborg, dafür hat er ein komplett skandinavisches Programm ausgewählt. Von Allan Pettersson erklingen die 8 Barfußlieder in der Orchesterfassung, der Solist ist Espen Fegran (Bariton), ein Mitglied des Staatstheaters.

Alle Pettersson-Konzerte 2011 finden sich *hier*

Dossier: „Compositeur Allan Pettersson“ bei resmusica.com

Frankreich scheint offenbar für Petterssons Musik ein schwieriges Pflaster zu sein – es gab und gibt kaum Aufführungen in dem Land, in dem Pettersson eine intensive Studienzeit verlebte und auf u. a. auf so wichtige Lehrer Leibowitz, Honegger und Milhaud traf. Doch eine kleine Gruppe Enthusiasten bemüht sich auch im Jubiläumsjahr um den Komponisten: Allan Pettersson ist nun ein umfangreiches Dossier auf dem Portal resmusica gewidmet, neben Artikeln und Diskographie sind dort auch zwei interessante Interviews mit Christian Lindberg und dem Maler Manuel Pujol Baladas zu finden, letzterer läßt sich von Petterssons Musik beim Malen inspirieren.

Christian Lindberg spricht übrigens in diesem Interview von einer DVD, die seine Arbeit mit der 1. Sinfonie dokumentieren soll und in Verbindung mit der 1. und 2. Sinfonie bei BIS zum Geburtstag Petterssons erscheinen wird.

Pettersson in den Niederlanden

Auch in den Niederlanden wird Petterssons 100. Geburtstag gewürdigt. Zwei Tage vor Petterssons 100. Geburtstag spielt das Radio Filharmonisch Orkest im Concertgebouw Amsterdam die 7. Sinfonie. Die Aufführung am 17. September leitet der ukrainische Dirigent Roman Kofman. Weitere Informationen gibt es im Jahresprogramm des Concertgebouw (PDF, scrollen auf Seite 40). Weiterhin stehen Werke von Grieg und Nielsen auf dem Programm.

(Danke an Derek Ho für diesen Hinweis)

Hier geht es zum aktuellen Konzertkalender 2011

Pettersson bei jpc

Neben den Hinweisen auf Aufführungen gibt es hier immer wieder einmal Tipps zu Artikeln, Veröffentlichungen oder Projekten, die mit Allan Pettersson in Zusammenhang stehen. Nachdem eine Edition der Sinfonien beim schwedischen Label BIS aus nur vereinzelten, aber sehr hörenswerten Aufnahmen erschien (mit Christian Lindberg werden weitere Aufnahmen folgen), machte sich die deutsche Firma cpo an eine „Gesamtaufnahme“, die bei Pettersson ohnehin immer in Gänsefüßchen gesetzt werden muss, da die 1. und die 17. Sinfonie nur als Fragment existieren. Die Sinfonien 2-16, die Streicherkonzerte, die beiden Violinkonzerte und die Klavierlieder sind dort erhältlich und ergänzen die Diskografie (die auf der Pettersson100-Website studiert werden kann, in umfangreicher Weise. Derzeit ist die Box mit den Sinfonien dort für günstige 49,99 € (dank an Derek für den Hinweis) dort erhältlich. Ein guter Preis, gerade auch für Einsteiger in die Welt von Allan Pettersson.

cpo Box

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