Kategorie: Rezensionen (Seite 1 von 3)

Ein unablässiger Strom

Allan Petterssons 7. Sinfonie erklingt in der Elbphilharmonie Hamburg

Auf dem Spaziergang die Landungsbrücken entlang zur Elbphilharmonie möchte ich fast die Leute ansprechen, die mir entgegen kommen und sie einladen zu dem einmaligen Abend, der mir vermutlich bevorsteht – jedoch ist die Elbphilharmonie, die am 24. August vom Schleswig-Holstein Musik Festival bespielt wird, ist bereits ausverkauft. Offenbar wissen auch andere Konzertgänger:innen um die Besonderheit des Programms. Denn wann stand zuletzt eine Sinfonie von Allan Pettersson (1911-1980) auf dem Programm eines deutschen Konzerthauses? Und zugespitzt könnte man fragen: Wann hat sich ein deutsches Orchester überhaupt zuletzt an diese Musik gewagt?*

Der Musik des Schweden, der in seiner Heimat vor zwei Jahren in einem „Kulturkanon“ aufgenommen wurde steht und wohl deshalb nun zumindest in seinem Geburtsland etwas mehr aufgeführt wird, ist weder einfach zu spielen noch zu rezipieren. Und trotzdem kann man Ohren und Herz öffnen für das Besondere, das sich in dieser Musik zeigt. Im restlichen Europa tut man sich trotzdem schwer mit Pettersson – auch in England, wo derzeit mehrere skandinavische Dirigenten in Leitungspositionen wirken, tut sich nichts Neues.

Schon 2020 wollte das Schleswig Holstein Musik Festival Allan Pettersson aufführen – angesichts des langen Bestehens des Festivals möchte man sagen „endlich“, doch auch diese Hommage blieb dem Festival aus Pandemiegründen verwehrt. Sie wurde am 24.8. (in Lübeck) und am 25.8. (in Hamburg) nachgeholt, nicht ganz ohne Stolz, mit dem Gastspiel des Royal Stockholm Philharmonic Orchestra einen echten Höhepunkt präsentieren zu dürfen. Denn wer, wenn nicht die Stockholmer, kennen „ihren“ Pettersson am besten, der ja als Bratscher in diesem Orchester anfing und sich etwa ab Ende der 30er-Jahre nur noch auf das Komponieren konzentrierte. Dabei ist auch der Tournee-Beitrag pikant, denn eben dieses Orchester strich bei einer Amerika-Tournee im Jahr 1975 die 7. Sinfonie des Komponisten vom Programm, worauf dieser dem Orchester ein Aufführungsverbot seiner Werke erteilte, das – gottlob – nun nicht mehr besteht. Und nun konnte man den Musiker:innen auf dem Podium der Elbphilharmonie das ehrliche Engagement und auch die Vertrautheit mit der Musik ansehen.

Den Konzerten in Deutschland gingen bereits im Januar und Februar Aufführungen der 7. und 8. Sinfonie in Stockholm voraus – letztere unter Leitung von Christian Lindberg, der in den letzten Jahren mit einer Gesamtaufführung der Sinfonien sowie CD-Einspielung mit dem Sinfonieorchester in Norrköping zumindest in Schweden Geschichte schrieb.

Doch zurück zum Konzert – gespannt war man vor allem auf die Interpretation, denn zumindest die 7. Sinfonie hat eine reiche Aufführungshistorie, weil man sie als zugängliches und eindrückliches Werk identifiziert und damit die erste Begegnung mit Petterssons Musiksprache erleichtern mag. Dabei entfaltet sich diese Eindrücklichkeit in einer Aufführung durchaus nicht von selbst, sondern muss sorgfältig erarbeitet werden. Da konnte man auch schon größere und kleinere Desaster in der Vergangenheit miterleben, da in Petterssons Sinfonik nicht nur jede einzelne Instrumentengruppe besonders in den Extremlagen und in der Artikulation gefordert ist, sondern auch die/der jeweilige Dirigent in seinem Verständnis von Partitur und Umsetzung.

Ryan Bancroft ist US-Amerikaner und steht dem Kungliga Filharmoniska Orkestern – wie es auf schwedisch korrekt heißt – seit 2023 vor. Seine Lesart der 7. Sinfonie ist flüssig und in der Elbphilharmonie zu Beginn fast ein wenig zu beherzt. Dabei verträgt der Saal außerordentliche Pianissimi, die Bancroft dann später wirklich dem Orchester abverlangt und damit vor allem zu einem tief empfundenen Schluss findet. Die erste große Steigerung des Werks baut er spannend auf, kommt aber dann einige Male in ein zu routiniertes Fahrwasser, dem das Orchester natürlich Folge leistet. Das eine oder andere Rubato, das er später dann vor allem in den Übergängen anlegt, hätte in den rhythmisch-flächigen Abschnitten zu weiterer Intensität beigetragen. Hier und da gab es auch ein kleines „Zuviel“ in den Trompeten, dann wieder bei den fast elektronisch anmutenden Klangkonstellationen zwischen Blech, Holz und Streichern kleine Hänger – die Akustik der Elbphilharmonie verzeiht nichts, legt aber auch die Partitur schonungslos offen, was zu einer Transparenz des Werkes führt, die man auch in anderen Konzerthäusern kaum erlangen wird, schon das Konzert einen Tag zuvor in der Kongresshalle Lübeck war von einer ganz anderen Akustik geprägt. In Allan Petterssons sind die Fäden immer kurz vor dem Zerreißen gespannt, und dies verlangt absoluten Mut beim Spielen. In den sehr offen liegenden Passagen gibt es kein zweites Mal, kein Zurück. Das verlangt gegenseitiges Vertrauen im Orchester und ja, auch einiges an Proben, was im heutigen Konzertalltag allein schon eine Hürde gegenüber solchen Partituren darstellt.

Die Intensität der Interpretation legte jedenfalls mit jeder dynamischen Welle zu und so wurden vor allem die tonalen Ausgießungen der Streicher nach den Höhepunkten sowie die choralartigen Bläserabschnitte zu einem absolut hörenswerten Ereignis. Details wie die plötzlich leer im Raum liegenden Töne der Violinen am Ende einer melodischen Phrase oder eine blitzsaubere Quinte zwischen Celli und Bässen ließen Zeit und Gedanken stillstehen. Das Ende der Sinfonie war von transzendentaler Natur in seiner seltenen Einigkeit – auch vom Publikum übrigens, das sich mit einer langen Stille zum Nachvollzug dieser außergewöhnlichen Musik bereit zeigte. Großer Jubel für Bancroft und die Stockholmer folgte, nach welchem auch Allan Pettersson selbst durch die vom Dirigenten hochgehaltene Partitur seinen speziellen, starken Applaus erhielt.
Hoffentlich haben sich durch dieses Konzert einige neue Freunde der Musik von Allan Pettersson gefunden – im Norden Deutschlands war, vermutlich bedingt durch die Nähe zu Skandinavien, zumindest immer wieder eine Bereitschaft zu spüren sich mit dem Werk dieses großen Sinfonikers zu beschäftigen. Hoffentlich auch in der Zukunft – als Tor zur Welt zählt ja Hamburg mit seinem Hafen ohnehin.

Alexander Keuk

*immerhin gab es 2023 und 2024 je eine Aufführung des Sinfonischen Satzes in Heidelberg und Magdeburg. Die erste Aufführung eines Pettersson-Werks in der Elbphilharmonie überhaupt war übrigens auch der Sinfonische Satz. Diese Aufführung fand im Jahr 2019 unter Leitung von Daniel Harding statt, damals allerdings mit dem Schwedischen Rundfunkorchester.

Foto (c) Antonia Krödel

Abstract

Allan Pettersson’s music remains a rarity in German concert life, despite the growing recognition of the Swedish composer in his home country. The performance of his Seventh Symphony by the Royal Stockholm Philharmonic Orchestra at Hamburg’s Elbphilharmonie, presented as part of the Schleswig-Holstein Music Festival, was therefore a particularly significant occasion. It was the first performance of the Seventh Symphony in the Elbphilharmonie, while the orchestra’s historical connection with Pettersson—who began his career there as a violist—added a special dimension to the event.

Under the direction of Ryan Bancroft, the symphony unfolded as a demanding and highly expressive musical landscape. Pettersson’s writing places extreme demands on every orchestral section, requiring both technical precision and an exceptional willingness to sustain tension. The acoustic transparency of the Elbphilharmonie exposed the complexity of the score in remarkable detail, while Bancroft’s interpretation gained particular intensity towards the work’s conclusion. Exceptionally quiet dynamics and carefully shaped climaxes led to a deeply concentrated and almost transcendental ending.

The long silence that followed the final note, shared by the audience before the enthusiastic applause began, bore striking witness to the intensity of the performance. The concert thus demonstrated the emotional and musical power of Pettersson’s Seventh Symphony and made a compelling case for a composer whose work deserves greater presence in European concert life.

Symphony No. 12 in Norrköping & AP-News

After only three productions since its first performance in Uppsala, 1977 with Carl-Rune Larsson conducting the Stockholm Philharmonic Orchestra, it was – fourteen years after the Honeck-cpo-recording – time to present this outstanding choral symphony within the Allan Pettersson Project in Norrköping, run by Christian Lindberg as spiritus rector and the Norrköping Symphony Orchestra which is brave enough to program Allan Pettersson again and again since the 90s when the first BIS productions were made – it is a fact that this orchestra by now surely has the biggest experience worldwide playing and recording Allan Petterssons symphonic works.

Good news has been given from Henrik Marmén and Christian Lindberg two days before the concert performance of the 12th symphony. The AP-project was originally sticking to the missing items in the BIS recordings, and the project is finished by now with the recording of the 12th symphony. The end is literally a beginning: the collaboration between Lindberg and the orchestra will continue five more years, Marmén and Lindberg announced in Norrköping. Lindberg will record all symphonies (No. 3, 8, 10, 11 and 15) and he will add furthermore the Viola Concerto and the Symphonic Movement.

The continuation of the Allan Pettersson Project will start in November when Lindberg is going to conduct the 15th Symphony and the Viola Concerto. BIS will release the next volume in Germany on 10th of April – it’s the 2nd Violin Concerto and the fragment of the 17th Symphony.

On Saturday afternoon, the 16th of March, the performance of the 12th Symphony „De döda på torget“ after Pablo Nerudas Canto General took place. No other work was combined with this unique vocal symphony which needs not only an one-hour space in the concert but full concentration and much time to prepare in the rehearsals. It was good to see that many people wanted to listen to this extraordinary symphony – the concert hall Louis de Geer was nearly sold out and it was also a very good audience atmosphere during the concert as long as one could notice the overwhelming, captivating feelings which were going out from Petterssons music.

To make this happen, Christian Lindberg did well prepare both the choir and the orchestra who have an immense task considering that strings and the choir only have few empty bars to breathe until the next waves start to roll. Lindberg gave also much attention to the balance of dynamics to give the symphony increasing intensity by a constant flow. The first two songs could emphasize a kind of introduction atmosphere, therefore the repetitions of „straff“/“punishment“ and the portraits of the workers called by their names again and again get an immense power. It was fascinating to see that both of the choirs got close to their limit – which is admittedly Allans fault and demand at the same time – but the voices never got over the line of the streaming of the notes.

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Standing Ovations last Saturday in Norrköping (photo: A. Keuk)

Lindberg did choose Tempi of the half-notes at the upper edge of the range of interpretation which gave a special drive to the dramatic quality of the symphony and put a distance to the world of poetry but opened a gate to political statement and attitude which is clearly inscribed in the Neruda texts, so dramatic expression is a need, not an artificial addition.  Breathing was difficult for the listener who was hit and battered (less would have been implausible), but still you could notice the different levels of the score, especially the  simultaneity of rhythmical action, motion and even some slow choral fragments in the low brass.

A „Christian Lindberg postcard“ with three short excerpts from the performance:

 

At least, the c major Final is bloodstained, nevertheless it is an open gate (the 13th symphony is following…). 55 minutes of suffering, of resistance, of humanity. To play this symphony is always much more than a simple presentation – it affects us. The audience honoured the Norrköping efforts with Bravi and standing ovations, Lindberg made a grateful gesture holding up the score of Allan Pettersson. The recording will need again concentration and time, the release is planned for spring 2020.

More reports:
* Sveriges Radio P4 Ostergötland: „Det mest betydande svenska verket som någonsin skrivits“
* Review on kultursidan.nu: „De döda på torgets upprörda vågor“

The concert will be broadcasted by Sveriges Radio P2 on April 18th.

 

Neuigkeiten und Rezensionen

In diesem Artikel sind einige im Netz auffindbare Artikel, Rezensionen und Neuigkeiten zu Allan Pettersson gesammelt (Stand 24.11. 2017)

* Ein neu gestifteter „Allanpriset“ wird von der Schwedischen Pettersson-Gesellschaft verliehen und geht im Jahr 2017 an das Allan-Pettersson-Projekt des Norrköping Symphony Orchestra. Der Preis wurde am 21. September anläßlich der Aufführung des 2. Violinkonzertes in Norrköping verliehen.

* Crescendo Belgien-Rezension (20.2.17) zur BIS-Veröffentlichung der 14. Sinfonie

* Derek Ho über Ulf Wallins Aufführung des 2. Violinkonzert (Res Musica, 26.9.17)

* bei Tröstlösa Records erschien das neue Arrangement der Barfußlieder (Sandström/Karlsson/Strautmanis/Renman), hier ein Press Bulletin dazu.

 

 

 

 

News Sommer 2017

Einige wenige, zum Teil nachgetragene Neuigkeiten und Lesetipps zu Allan Pettersson:

* Auf der US-amerikanischen Website „masterpiecefinder“ ist ein großes Interview mit Cecilia und Martin Gelland – dem „Duo Gelland“ –  erschienen, das wertvolle Einblicke in die Musikwelt des Komponisten, die Interpretation der „Sieben Sonaten“ und die Besonderheiten der lebendigen Existenz eines Geigenduos heutzutage.

* Im Planetarium Münster fand bereits im Januar 2017 ein Theaterstück nach Johannes Keplers „Somnium“ statt, als Musikstücke wurden Ausschnitte aus Werken von Allan Pettersson benutzt. Darüber berichteten die Westfälischen Nachrichten am 26. Januar.

* Derek Ho schreibt über „Men and Women“ in Oldenburg im französischen resmusica-Journal. (26.6.17)

 

Pettersson aus dem Orchestergraben

Antoine Jully erschafft in Oldenburg ein Ballett auf Musik von Allan Pettersson

Das hat es seit 1976 nicht mehr gegeben, als Birgit Cullberg in Stockholm auf Petterssons 7. Sinfonie ein Ballett namens „Rapport“ erdachte. Und doch gibt es immer wieder Künstler anderer Genres, seien es Maler, Filmemacher, Jazzmusiker, die sich auf Allan Pettersson als Inspirationsquelle berufen. So konnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich auch wieder ein Choreograf der Musik nähern würde.

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Antoine Jully ist Choreograf am Staatstheater Oldenburg und kam in Kontakt mit Petterssons Musik, die ihm ideal geeignet erschien, ein Ballett über die verschiedenen Geschlechter und Geschlechterrollen zu entwerfen: „men and women“ kam heraus, eine Art Bewegungs-Selbstreflektion einer Compagnie über eine Compagnie, die sich in immer wechselnden Beziehungen zueinander auf der Bühne begibt.

Für eine solche Innenschau sind die 60 Minuten, die Allan Petterssons 6. Sinfonie zeitlich hergibt, fast schon zu kurz, denn visuell vermag man sich nur schwer zu orientieren, und der Überfluss scheint aber konzeptionell von Jully begründet zu sein. Die Tänzer geben alles und vermutlich – noch mehr, das spürt man in der übertragenen Spannung, zudem läßt das auf Symbole reduzierte Bühnenbild (Alexandra Teigmann) eine völlige Sichtkonzentration auf die wild wuchernden Körper (Judith Adams Kostüme verstärken diesen Eindruck) zu.

Dass man Allan Petterssons sinfonische Musik allerdings aus einem Orchestergraben hört, ist die eigentliche Überraschung und/oder Uraufführung des Abends, denn das verleitet zu einem ganzen Berg an Überlegungen, inwieweit Pettersson überhaupt und berechtigt in ein Theater gehört. Diese Diskussion ist noch zu führen und wird hoffentlich durch ein Zutun und Inspiration innovativer Künstler spannend bleiben.

Trailer der Aufführung:

Weitere Aufführungen: 29.3. / 5.4. / 12.4. / 8.5. / 31.5.

Bilder der Inszenierung finden sich auf der facebook-Seite der BallettCompagnie Oldenburg

Zur Premieren-Seite beim Staatstheater Oldenburg

* Vorankündigung bei der NWZ, Artikel von Sabine Schicke

* Rezensionen: resmusica, Weser-Report/Delme-Report, Nordwest-Zeitung, Kreiszeitung

Writing music history: Symphony Nr. 13 in Norrköping

In diesem Artikel werde ich alles zur Aufführung der 13. Sinfonie am 20. September 2014 in Norrköping sammeln. Christian Lindberg leitete das Norrköpings Symfoniorkester in einer nahezu historisch zu nennenden Aufführung, denn das Konzert war a) die schwedische Premiere der Sinfonie, b) die zweite Aufführung überhaupt nach der Uraufführung 1976 in Bergen und fand auch noch an Allan Petterssons 103. Geburtstag statt. Grund genug, dass sich Petterssonfans aus der ganzen Welt am vergangenen Sonnabend in Norrköping trafen, um diese außergewöhnliche Aufführung zu verfolgen und am Ende lautstark zu bejubeln – es wird von stehenden Ovationen berichtet.

Hier einige Auszüge der Aufführung, die Christian Lindberg per youtube ins Netz stellte:

Rezensionen:
* „Shattering and Monumental“ – folkbladet.se

* „Musik som ställer krav“ – Norrköpings Tidningar

* „Från dagdröm till kosmos med SON“ – kultursidan.nu

Weitere Materialien zum Konzert in Norrköping:
* Christian Lindberg about the rehearsals: http://www.youtube.com/watch?v=AFpw0ts1EaY
* Interview mit Linus Berglund, 1. Fagottist beim NSO: „Jag blev alldeles darrig“: https://www.youtube.com/watch?v=8LDV4rRTv0M

* Konzertankündigung bei kultursidan.nu

Pettersson in Weimar – „ein schönes Lied über Dinge, die nicht schön sind“

Die einzige Aufführung eines Pettersson-Werkes in dieser Saison fand am vergangenen Wochenende in Weimar statt. Stefan Solyom ist seit 2009 Generalmusikdirektor der Staatskapelle Weimar. Bereits im Jubiläumsjahr 2011 hat er in Norrköping als Leiter des dortigen Orchesters die 7. Sinfonie aufgeführt. Weimar ist ja auch durch Peter Gülke und George Alexander Albrecht mit zwei Pettersson-Protagonisten verbunden – allerdings ist mir ist nicht bekannt, ob die Aufführung am vergangenen Wochenende nicht doch die erste Begegnung des Orchesters mit Pettersson war. Gelungen erschien das dramaturgische Konzept, einen „schwedischen Abend“ auszugestalten. Auch wenn die Musik vieler Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts kaum über die Landesgrenzen gedrungen ist, lohnt doch eine Begegnung sehr. Ingvar Lidholms „Kontakion“ war da ebenso eine bereichernde Erfahrung wie die Aufführung des 2. Klavierkonzertes von Wilhelm Stenhammar, mit Janos Solyom – Onkel des Dirigenten – am Flügel.

In der Konzerteinführung redeten beide auch in Bezug auf Pettersson Klartext: Stefan Solyom hielt die 7. Sinfonie für ein musikgeschichtlich sehr bedeutendes Werk voller Schönheit, bemerkte aber auch offen, dass er „ein, vielleicht zwei Sinfonien der fünfzehn vollendeten für aufführungswert hält, den Rest nicht“. Dem Orchester habe Solyom das Werk nahegebracht, indem er sagte: „Spielen sie es wie ein schönes Lied über Dinge, die nicht schön sind.“ Weiterhin schloss Solyom Vergleiche aus – „Pettersson ist Pettersson“ und beschrieb die Harmonik der Musik wie ein Haus mit „chromatischen Korridoren“, in welchem man ab und an ein Zimmer mit einer Tonart erreicht und wieder verläßt. Auch der in Schweden sehr bekannte Pianist Janos Solyom konnte zu Pettersson eigene Erfahrungen beisteuern, er traf den Komponisten einige Male. Aus Solyoms Äußerungen ging aber auch hervor, dass die Besuche offenbar nicht angenehm verliefen, denn Pettersson war stark von seiner Krankheit gezeichnet und seine Kontakte zur Außenwelt waren nicht gerade von einfacher Natur.

Die Aufführung der 7. Sinfonie selbst war sehr erfreulich – zwar war die Weimarhalle zu diesem außergewöhnlichen Programm nicht komplett gefüllt, aber man nahm ein aufmerksames Publikum wahr, dass sich direkter Reaktionen nicht verschloss, Applausverweigerung der Abonnenten bereits bei „Kontakion“ eingeschlossen. Großen Jubel heimste das Stenhammar-Konzert ein und auch die Pettersson-Sinfonie wurde sehr positiv aufgenommen. Solyom formte mit dem Orchester einen tollen Beginn und fand genau das passende ruhige, in Halben schwingende Tempo, das nötig ist, um aus den Anfangsmotiven den Spannungsaufbau zu erzeugen. Dementsprechend kraftvoll und dennoch klar gesetzt wirkten die Höhepunkte – nicht immer war da die Balance im Tutti optimal, auch die Platzierung von Trompeten und Posaunen in der rechten Ecke der Bühne wirkte (von meinem Platz aus) eher „schattig“. Streicher und Holzbläser kamen sehr gut mit der Partitur zurecht.

Solyom betreute den Fortgang intensiv, allerdings auch im großen Streicherchoral mit ein wenig zuviel romantischem Gestus. Durch ein recht langsames Tempo in den Schlussabschnitten mit den letzten Schlagzeugeinwürfen fehlte mir dann die für Pettersson sehr wichtige Spannung des Abgesanges (die ja bereits die Erinnerung der Erschütterung in sich trägt) – ein Weltklasse-Piano in der Piccoloflöte gemeinsam mit den hohen Streichern im „singenden“ Schluss machte das aber wett. Somit erlebte ich eine insgesamt äußerst spannende Aufführung, die auch zeigte, dass die „Arbeit“ mit diesem sinfonischen Riesenblock niemals aufhört. Je nachdem wie Dirigent und Orchester die Emphase auf Tempofeinheiten, auf die melodisch Linie, auf Attacken oder Ostinati legen, verschiebt sich die Wahrnehmung der Sinfonie enorm. Hervorhebenswert sei auf jeden Fall auch das Engagement der Musiker, die sich um größtmögliche Homogenität und genaue Ausformung der „Statements“ bemühten.

Rezensionen und Artikel: 9. Sinfonie – Lindberg – BIS

Nachdem im Dezember die 9. Sinfonie mit Norrköpings Symfoniorkester unter Leitung von Christian Lindberg bei BIS veröffentlicht wurde, ist es nun Zeit für eine Sammlung der Rezensionen, soweit sie online verfügbar sind.

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* Rezension von Derek Ho bei resmusica: „Enlightening“ (29.12.13)

* Dagens Nyheter, „Obonhörlight trösterik stråksång“ (15.1.14, Bezahl-Artikel – Fotoablichtung)

* Marbecks Classical, New Zealand

* Beschreibung der CD bei Naxosdirekt.se

 

Die CD wird bei verschiedenen Radiostationen vorgestellt und gesendet, so etwa am 7. Januar ebenfalls in Neuseeland.

In Deutschland ist die CD im Klassikfachhandel erhältlich, vertrieben wird sie über KlassikCenter Kassel.

Mittlerweile wurden die Sinfonien 4 & 16 vom Norrköpings Symfoniorkester aufgenommen, diese CD wird voraussichtlich im September 2014 erscheinen. Das komplette Pettersson-Projekt auf der SON-Seite: Allan-Pettersson-Projekt

 

Zwei Pettersson-Sinfonien in einem Konzert

Christian Lindberg dirigierte die 16. und die 4. Sinfonie von Allan Pettersson in Norrköping

** Links zu weiteren Rezensionen des Konzertes am Schluss des Artikels (scroll down for links to swedish reviews of the concerts)

Er ist der bedeutendste Sinfoniker des 20. Jahrhunderts in Schweden, und er wird kaum gespielt. Ausgerechnet die kleine Stadt Norrköping will das nun endlich ändern – mit der gemeinsamen Kraft des ansässigen Orchesters und Christian Lindberg, der schon als Kind „Fan“ von Allan Pettersson wurde. Das „Allan Pettersson Project“ wird also bis 2018 seine aktive Heimstatt in „De Geerhallen“ finden. Am 31. Oktober stellte Lindberg die 4. und die 16. Sinfonie im Konzert vor. Zwei Sinfonien in einem Konzert – das ist in der Pettersson-Rezeption bisher ohne Vergleich und stellt an Hörer wie Interpreten besondere Anforderungen. Zudem war es spannend, sich gleichzeitig mit einem Werk aus der ersten sinfonischen Schaffensphase aus den 50er-Jahren und der letzten vollendeten Sinfonie konfrontiert zu sehen. Nach der 16. Sinfonie (1979) blieb die 17. Sinfonie ein Fragment – Pettersson starb 1980.

Lindberg setzte die 16. Sinfonie, die als Auftragswerk für den US-Amerikaner Frederick L. Hemke als „Sinfonie mit Altsaxophon-Solo“ entstand, an den Beginn und die 4. Sinfonie an den Schluss. Beide Sinfonien sind wahrlich keine leichte Kost, so dass die Entscheidung, ein Werk von Lindberg selbst („Kundraan and the arctic light“) in die Mitte des Programms zu setzen, richtig war und sowohl Kontrast als auch Entspannung bot.

Der Konzertsaal in Norrköping war leider nur zur Hälfte gefüllt, das ambitionierte Programm zog aber viele Kenner und Liebhaber von Petterssons Musik von nah und fern an. Solist in der 16. Sinfonie war Jörgen Petterssson vom Stockholmer Saxophonquartett, der schon im Voraus bekannte, jede einzelne Minute dieser Musik zu genießen. „Halbe 80, frenetico“ schreibt Pettersson an den Beginn der Sinfonie – damit ist der Weg vorgezeichnet durch einen kaum einmal zur Ruhe kommenden Musik-Tunnel, durch den sich Pettersson am Saxophon mit dem Orchester windet. Der Solist konnte dem Komponisten eine starke Stimme geben, die auch notwendig ist, da Allan Pettersson hinter dem Altsaxophon mehrfach eine dissonant wogende Wand aufbaut – es ist eine Art Kampfarena des Lebens. Trotzdem bleibt als Eindruck kaum einmal der Schmerz oder die Resignation, es ist eher eine Art stetiges Aufbegehren und eine höllische Energie, mit der diese Sinfonie – in der Kürze fast vergleichbar der 10. Sinfonie, die ähnlich rumorende Wellen beinhaltet – aufwartet. Am Ende gibt es eine kurze Beruhigung, ein erschöpftes Ausatmen der Streicher. Und viel Applaus schon für diese große Leistung von Solist und Orchester.

Doch nach der Pause wartete eine erneute Gipfelbesteigung (Pettersson schrieb – so scheint es – ausschließlich „Achttausender“) auf das Orchester. Mit der 4. Sinfonie geht es in der Biografie zurück in die 50er-Jahre, längst hat sich Pettersson die Sinfonik auf die eigene Fahne geschrieben und entwickelt doch in den ersten vier Sinfonien – das Fragment der 1. Sinfonie eingeschlossen – erst allmählich seine unverkennbare Sprache. Dazu gehören hier auch noch viele Experimente vor allem in der Großform und in der Instrumentation. Die 4. Sinfonie sieht Petterssons größtes Schlagzeugarsenal und auch eine Celesta vor. Zwar ist die 4. Sinfonie vermutlich leichter fasslich als die 16., da sie in viele einzelne Blöcke geteilt ist und sogar Luft für Generalpausen bietet, doch zugleich erscheint das häufige offensichtliche Versiegen des gesamten Materials rätselhaft.

Lindberg und das Norrköping Symfonieorkester boten eine schier unglaubliche Leistung, zumal in kurzer Probenzeit eine sehr gute Qualität herrgestellt wurde – von Werken, die sicherlich keinem der Musiker je schon einmal auf dem Pult lagen. Vom Dirigenten ging nicht nur eine organisierende Klarheit aus, er versuchte gleichzeitig die großen Bögen und präzise Impulse in den Rhythmen zu setzen – das gelang vor allem deshalb auch sehr gut, weil man deutlich merkt, dass das Orchester mit den Kompositionen ihres Landsmannes immer vertraurer werden. Hier könnte sich ein typischer „Norrköping-Sound“ für Allan Pettersson herausbilden – die Aufnahmen werden es zeigen. Für die Weltgeltung des Komponisten wurde – im vierten Jahr in Folge – erneut ein wichtiger Beitrag geleistet.

Reviews in der schwedischen Presse:

* Norrköpings Tidningar: Allan Petterssons andrar hem

* Folkbladet: Musik som fångar livets smärta

* Review von Derek Ho (Blog)

* Review bei ResMusica (France – englisch)

* Review bei ResMusica (France – frz. Jean-Christophe Le Toquin)

* Artikel bei „OPUS“ – En svensk Mahler

 

Stillheten i orkanens öga.

Die Konzerte in Berlin und Norrköping sind vorbei – heute wird die 9. Sinfonie erneut in Jonköping gespielt. Bisher gab es nur wenige Reaktionen und Rezensionen, das Konzert in Berlin wurde offenbar von der Presse völlig ignoriert.

Die Rezensionen fasse ich in diesem Artikel zusammen:

– Berlin, 20. November, 1. Streicherkonzert, Deutsches Kammerorchester Berlin, Jan Michael Horstmann

* Derek Ho hat auf seinem Blog sein persönliches Musikerlebnis geschildert.

* eine Userin („BerlinSpirit“) beschreibt auf Twotickets.de ihren Eindruck: „Sehr spannend war die durchaus ungewöhnliche Kombinationen von Barock und Neuer Musik! So lernten wir bisher unbekannte Komponisten der Bach-Familie kennen und entdeckten die von Krieg und Krankheit geprägten – tonalen – Werke von Karl Amadeus Hartmann und Allan Pettersson. Sehr charmant, informativ und leidenschaftlich war auch die Einführung von Jan Michael Horstmann!

– Norrköping, 29. November/Jönköping, 30. November – 9. Sinfonie, Norrköping SO, Christian Lindberg

Hier ein Eindruck vom Konzert im Kulturhuset Spira, Jönköping am 30. November. Das Bild stellte Jörg Wohner zur Verfügung:

* Rezension im Folkbladet, 30.11.2012 (Siv Jogfors) – sehr schön der letzte Satz, der das Bild der „Stille im Auge des Orkans“ zeichnet.

* Rezension von Derek Ho auf dem Blog Allan Pettersson 100 år, 2.12.12

* Vorankündigung im Norrköpings Tidningar (28.11., Mats Granberg), allerdings steht hier der Klaviersolist George Li eindeutig im Mittelpunkt.

* Radiosendung (Scrollen bis „Dirigent utan Frack“) über Christian Lindberg und die Proben zur 9. Sinfonie bei Studio Ett, Sveriges Radio

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und noch einmal Norman Lebrecht zur Aufnahme der 6. Sinfonie (er hörte sie 5x hintereinander komplett an!): openlettersmonthly.com

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